P2P-Kredit

Anlageklasse P2P-Kredite

Bei einem Peer-to-Peer-Kredit verleiht ein Privatanleger im Grundprinzip Geld direkt an eine Privatperson. Eine Online-Plattform tritt dabei als Vermittler auf, eine Bank ist nicht involviert. Diese Geldanlage erfreute sich in den vergangenen Jahren einer wachsenden Beliebtheit unter Privatanlegern, da hier im Niedrigzinsumfeld zweistellige Renditen zu erzielen waren. Die Betrachtung der Risiken kam bei vielen Anlegern zu kurz, sogar als Tagesgeldersatz wurden Investments in P2P-Kredite häufig bezeichnet. Im Corona-Crash wurden die Risiken aber sichtbar. In diesem Artikel analysieren wir die Anlageklasse P2P-Kredite: welche Renditechance steht den Risiken gegenüber? Wie korreliert das Investment mit den Hauptanlageklassen? Wie schlägt sich die Anlageklasse im Vergleich zu den am nähesten verwandten Anlageklassen, Private Debt für institutionelle Anleger und High Yield Unternehmensanleihen? Welche Rolle im Portfolio kann die Anlageklasse P2P-Kredite spielen?

Hintergrund: private Kreditvergabe über Online-Plattformen

Kredite zwischen Privatpersonen sind so alt wie das Geld, aber erst durch Online-Plattformen, die ab dem Jahr 2005 entstanden, gibt es einen regen Marktplatz, der Privatanleger und Kreditnehmer unkompliziert zusammenbringt. Die Plattform vermittelt und übernimmt den Geldtransfer. Kreditnehmer und Anleger bleiben typischerweise untereinander anonym, sind aber natürlich der Plattform bekannt. Gängige Kreditarten sind Konsumkredite (insbesondere für Autos) und Immobilienkredite, seltener auch Unternehmenskredite. 

Die Plattform als Vermittler sammelt und veröffentlicht Kreditangebote und der Anleger wählt Kredite nach seinen Kriterien. Die Kredite können vorfinanziert, also bereits gewährt, sein, oder erst vergeben werden wenn der angefragte Betrag in einer Funding-Phase durch Investoren zusammengekommen ist. Ein Kredit wird typischerweise auf mehrere Anleger aufgeteilt, um den Anlegern eine Diversifikation über mehrere Kredite zu ermöglichen. Zudem bieten viele Plattformen einen Zweitmarkt, über den der Privatanleger einen ausgegebenen Kreditanteil an andere Privatanleger weiterverkaufen kann. Die Plattformen müssen die Kredite nicht selbst vergeben, sondern bringen teilweise Privatanleger mit Kreditanbahnern zusammen, welche Kredite vergeben und dann über den Kreditmarktplatz der Plattform zur Investition anbieten.

Grundprinzip von P2P-Lending

Quelle

Liberale Regulierung (bzw. fehlende Regulierung) führte zur vermehrten Gründung von P2P-Plattformen im Baltikum, wobei sich sowohl Kreditnehmer als auch Anleger über mehrere Länder verteilen. Zu den bei deutschen Anlegern beliebtesten Plattformen gehören Estateguru (Estland) für Immobilienkredite, Bondora (Estland) für Konsumkredite und Mintos (Lettland) für verschiedene Kreditarten. Auxmoney ist ein deutscher Anbieter. Während Estateguru die Kredite selbst ausgibt, ist Mintos eine Plattform für Darlehensanbahner, d.h. verschiedene Kreditgeber finden über Mintos Anleger. Die Kreditlaufzeit geht dabei von wenigen Tagen bis zu mehreren Jahren.

Bondora hat mit Go & Grow eine Anlageoption, bei der der Anleger mit der Auswahl der Kredite nichts zu tun hat, sondern Bondora das Geld zur Verfügung stellt, die wiederum die Kreditauswahl treffen. Die Rendite ist geringer, Bondora verspricht im Gegenzug eine bessere Liquidität: man beantragt die Auszahlung und muss weder auf das Ende von Kreditlaufzeiten warten noch die Kredite selber auf einem Zweitmarkt verkaufen. Diese erhoffte tagesaktuelle Liquidität konnte in der Vergangenheit aber nicht zu jedem Zeitpunkt gewährleistet werden. Im April 2020 konnte Bondora nicht alle Auszahlungswünsche der Anleger bedienen, so dass diese mit Teilauszahlungen leben mussten und teilweise erst im Juni vollständig ausbezahlt waren.

Rendite, Risiko und Korrelation der Anlageklasse P2P-Kredite

Rendite der Anlageklasse P2P-Kredite

Für ein Investment in P2P-Kredite kann man eine Rendite in der Spanne 5% bis 14% erwarten. 5% gibt Auxmoney für Anleger an, die in der Vergangenheit in mindestens 100 Kredite über alle Scores investiert haben. 6,75% ist die momentane Rendite von Bondora Go & Grow. Bei der eigenen manuellen oder über eine Strategie automatisierten Auswahl der Kredite hängt die Rendite von Plattform, Kreditart, Laufzeit der Kredite und auch Glück ab (Anteil der ausgefallenen Kredite). Über einen längeren Zeitraum und eine Investitionssumme, die eine Diversifikation über zahlreiche Kredite auf einer Plattform und im besten Fall auch über verschiedene Plattformen ermöglicht, ist eine Rendite von 8-10% meiner Meinung nach ein realistischer Erwartungswert. Dies deckt sich mit meiner eigenen Erfahrung, mit den Renditeberichten der zahlreichen Finanzblogger und auch mit den Angaben der Plattformen (Mintos, Bondora, Estateguru).

Auch die Rendite des AIP Alternative Lending Fund von Morgan Stanley, einen Fonds für akkreditierte Investoren der in US-Konsumkredite investiert, bestätigt dies in zugegeben kurzer Laufzeit seit Auflage im Januar 2018: 8,79%. Die 2014 aufgelegten Symfonie P2P Lending Funds mit Investmentlaufzeit von 3 und 5 Jahren erzielten bis 2018 Renditen von 6,5% und 8,5% jährlich. Der vergleichbare und 2014 gestartete P2P Global Investments konnte hingegen die Zielperformance von 6% jährlich nicht erreichen und wurde 2019 neu strukturiert. 

Wir sollten uns als Anleger nicht auf Glück und auch nicht auf eine überlegene Auswahl der Kredite verlassen (die Informationsasymmetrie zur Plattform und zum Kreditgeber ist zu hoch) und daher über eine Vielzahl von unterschiedlichen Krediten unsere Wahrscheinlichkeit steigern, die Durchschnittsrendite der Plattform zu erzielen. Bondora gibt 500 Kredite als ausreichend an, Mintos 100, resultierend in Anlagesummen im vierstelligen Bereich. Wichtig ist dann natürlich, nicht nur in einer nach Kriterien abgrenzbaren Teilmenge der angebotenen Kredite zu investieren (z.B. nur in Autokredite oder nur in Kredite eines Darlehensanbahners), sondern gestreut über das gesamte Angebot. Die folgende Grafik veranschaulicht für die nicht mehr aktive US-Plattform Lending Club wie sich die Spanne der Rendite mit steigender Anzahl an Krediten immer mehr der Durchschnittsrendite auf der Plattform annäherte.

P2P-Kredit-Diversifikation: Renditespanne abhängig von der Anzahl der Kredite

Risiko der Anlageklasse P2P-Kredite

Die Anlage in P2P-Kredite ist ein hochriskantes Investment, bei dem ein Totalverlust des eingesetzten Kapitals möglich ist.

Wenig überraschend, bei bis zu zweistelligen Renditen, aber dennoch sollten wir uns diese Tatsache regelmäßig ins Gedächtnis rufen.

Das elementarste Risiko ist das Einzelkreditausfallrisiko: der Anleger investiert in einen Kredit, aber der Schuldner kann nicht zurückzahlen oder tut dies mit krimineller Absicht nicht. Eine Abschätzung des Risikos ist schwierig, zu gering sind die Informationen über die finanzielle Situation und Motivation des Schuldners. Bei einem Konsumkredit steht oft nur Geschlecht, Alter, Herkunftsland und ob eine Anstellung vorhanden ist zur Verfügung. Bei einem Autokredit zusätzlich das Modell, Herstellungsjahr, eine Wertschätzung und der Loan-to-value (ausstehender Darlehensbetrag zu Beleihungswert der Sicherheit), dies hilft aber auch nicht zur Beurteilung der Auswahrscheinlichkeit, sondern höchstens zur Einschätzung ob bei Ausfall mit einer (Teil-)Rückzahlung zu rechnen ist. Bei Immobilienkrediten z.B. auf Estateguru gibt es die ausführlichsten Informationen mit Gutachten, Adresse und Fotos. Aber ohne Kenntnisse des lettischen Immobilienmarktes hilft das auch nur eingeschränkt.

Maßnahme gegen das Kreditausfallrisiko ist die bereits angesprochene Diversifizierung über Hunderte Kredite innerhalb der gleichen Plattform. Nicht verlassen darf man sich auf sogenannte Buy-back-Garantien: der Kreditausgeber verspricht für den Fall des Ausfalls des Kredits die Investition zu erstatten, also den Kredit sozusagen zurückzukaufen. Dies hilft bei Problemen mit wenigen Kreditausfällen weil die Wartezeit im Vergleich zu einem Inkasso-Verfahren reduziert werden kann, ist bei einem hohen Anteil ausgefallener Kredite aber ein nicht haltbares Marketing-Versprechen, da die finanziellen Mittel des Anbahners schnell erschöpft wären.

Auch ein Kredit-Rating durch die Plattform hilft kaum, wie Beispiele von einem „A Score“ auf Auxmoney für Kreditnehmer, bei denen nur die angegebenen Ausgaben für Miete plus Ratenhöhe das Einkommen bereits überstiegen (Auxmoney), oder die Rating-Abwertung des Kreditgebers Rapido Finance auf Mintos um zwei Stufen, nur zwei Tage vor Suspendierung von Rapido Finance (übrigens auch ein Kreditgeber, der mit Buy-Back-Garantie warb), zeigten. Vielversprechender ist das objektive Drittanbieter-Rating von ExploreP2P, das ohne Interessenskonflikt auf einer Analyse der Finanzkennzahlen der Kreditgeber basiert (Profitabilität, Leverage, Transparenz insbesondere ob auditiert oder nicht). Auch das P2P Plattform Rating von Lars Wrobbel enthält wertvolle Kriterien zur Plattform-Auswahl.

Das größte Risiko ist das Plattformrisiko, d.h. das Risiko dass die P2P-Plattform das angelegte Geld nicht zurückzahlt. Gründe können wirtschaftlicher Natur sein, wie z.B. bei den Insolvenzen von Lendy und Trustbuddy. Dies muss nicht unmittelbar mit einem Totalverlust des investierten Kapitals einhergehen, die Beispiele der Vergangenheit zeigen aber, dass dies mit hoher Wahrscheinlichkeit der Fall ist. Eine einspringende Einlagensicherung gibt es nicht. Ohne Frage wäre es ein langwieriger und aufwandsintensiver Prozess als deutscher Privatanleger im Ausland seinen Anspruch geltend zu machen. 

Gründe können in dieser wenig regulierten Branche aber auch krimineller Natur sein. Kuetzahl und Envestio sind Beispiele für Plattformen, die plötzlich offline gingen und vermutlich nie ein funktionierendes Geschäftsmodell der Kreditvermittlung aufgebaut, sondern dies über ein Schneeball-System nur vorgegaukelt haben. Die Branche ist sehr jung, es gibt nur wenige Anbieter mit einer Historie der Transparenz und Einhaltung von Zusagen, die ausreichend Vertrauen aufbauen konnten.

Da man daher über Plattformen, auf jeder Plattform wie angesprochen aber auch gegen das Einzelkreditrisiko diversifizieren sollte, resultiert eine Mindestallokation zu P2P im oberen vierstelligen Bereich. Es bleibt darüberhinaus die Frage, ob es überhaupt ausreichend Plattformen gibt, denen der Anleger sein Geld anvertrauen kann. Bei der Entscheidung für die Hinzunahme einer Plattformen darf die Motivation der Diversifikation nicht gegenüber grundsätzlichen Bedenken gegenüber einer Plattform überwiegen. 

Bei einer Plattform wie Mintos, die Kredite mehrerer Darlehensanbahner anbietet, besteht das Risiko der Insolvenz eines Darlehensanbahners, insbesondere bei Anbahnern mit Buy-Back-Garantie. Dieser Fall liegt sofern man in mehrere Kredite dieses Anbahners investiert ist zwischen einem Einzelkreditausfall und dem Zusammenbruch der gesamten Plattform. Beispiel für einen insolventen Darlehensanbahner ist Eurocent auf Mintos. Eurocent gaukelte mit Buy-Back-Garantie auch vermeintliche Sicherheit vor.  

Fazit: Die Risiken von P2P-Investments sind enorm und schließen explizit einen potenziellen Totalverlust ein. Dies ist keine der Vorsicht geschuldete Phrase, die kurze Geschichte der P2P-Plattformen gibt für jedes elementare Risiko mindestens ein konkretes Beispiel her. Diesen großen Risiken kann man nur durch eine Streuung der anzulegenden Summe über jeweils hunderte Kredite über unterschiedliche Kreditarten, Ländern, Laufzeiten auf mehreren Plattformen begegnen. Aber auch dann braucht man vermutlich eine Portion Glück in diesem wenig regulierten und jungen Anlagesegment. Auf Glück sollte man sich in der Geldanlage eigentlich nicht verlassen.  

Korrelation der Anlageklasse P2P-Kredite

Die geringe Korrelation zu den Aktienmärkten wird häufig als Argument pro Anlageklasse P2P-Kredite verwendet. Vorweg: die Datenlage für diese junge Assetklasse erlaubt es diese Hypothese weder zu bestätigen noch zu widerlegen. Eine Studie von LendingRobot, einem automatisierten Anlagedienst für US-P2P-Kredite, untersuchte die Korrelation der Rendite auf der US-Plattform Lending Club für Konsumerkredite für den Zeitraum 2005 bis 2014. Die Methodik für die Bestimmung der jährlichen Rendite ist nicht vollständig transparent, allerdings schwankt die Rendite durchaus heftig mit Tiefpunkt bei -2,5% in der Finanzkrise 2008 und fast 10% Ende 2014. Die Korrelation wird mit ca. 0,2 zu breiten Aktienmarktindizes angegeben. 

Morgan Stanley gibt die folgenden Korrelationen für seinen im Januar 2018 aufgelegten und bei der Rendite schon zitierten AIP Alternative Lending Fund an (Quelle). Mit einer erwartet hohen Korrelation zu Unternehmensanleihen von 0,8, einer Korrelation von unter 0,5 zu Aktien und einer negativen Korrelation zu US-Staatsanleihen würden diese Werte, sofern über einen längeren Zeitraum bestätigt, ein sehr attraktives Diversifikationspotenzial für die Anlageklasse P2P-Kredite ausweisen. Wie erklärt sich die stark negative Korrelation zu US-Staatsanleihen? P2P-Kredite sind ein Risk-On-Investment, das wie andere Risiko-Assets in Zeiten hoher Risikobereitschaft an Wert gewinnt. Staatsanleihen sind der in schwierigen Zeiten gesuchte sichere Hafen, also der Inbegriff von Risk-off.

Korrelation des Morgan Stanley P2P Funds mit den Hauptanlageklassen

Wenn wir uns der Frage der Korrelation zu Aktien qualitativ nähern, so fällt es nicht schwer Risikofaktoren zu ermitteln, die sowohl Aktienmärkte als auch die Anlageklasse P2P-Kredite negativ beeinflussen. Konjunktureinbrüche und Wirtschaftskrisen lassen Aktienkurse fallen und gleichzeitig Kreditausfälle steigen. Die folgende Grafik zeigt die Ausfallrate von US-Verbraucherkrediten (zusammengesetzt aus Autokrediten, Hypotheken und Kreditkarte), die ausgelöst durch die Finanzkrise in die Höhe schnellte und das Maximum Mitte 2009 erreichte, fast zeitgleich zum Tief des S&P 500 Anfang 2009.

Ausfallrate von Konsumerkrediten in den USA

Das waren die Zahlen für stark regulierte Bank-Kredite. Für das deutlich weniger regulierte Segment der P2P-Kredite ist ein noch stärkerer Anstieg zu erwarten, schließlich nehmen insbesondere auch die Leute P2P-Kredite auf, die von der Bank keinen mehr erhalten. Ein Anstieg der Ausfallraten wirkt sich wiederum in den Renditen der Anleger aus, wie die Grafik aus oben zitierter Studie über Lending Club zeigt:

Entwicklung der Renditen auf Lending Club ab 2004

Die europäischen Plattformen existierten zur Finanzkrise noch nicht, mit Ausnahme von Bondora, die 2008 starteten und 2009 Fahrt aufnahmen. Für das Jahr 2009 gibt Bondora eine negative Rendite von über -10% an, für das Jahr 2010 eine immer noch enttäuschende Rendite von ca. 2%. Das heißt auch bei der europäischen Plattform Bondora waren die Rendite unmittelbar nach der Finanzkrise sehr schlecht, bevor ab 2011 bis heute die anvisierte Zielrendite von ca. 10% erzielt wurde:

Annualisierte Renditen bei Bondora

Wie kamen die Plattformen durch die Covid19-Krise? Das Bild ist gemischt. Von den Plattformen, die ich eng im Blick habe, waren bei Estateguru keine Auswirkungen zu spüren, bei Bondora kam es zur Limitierung von Auszahlungen, Mintos strauchelt extrem. Die Rückzahlungen von zahlreichen Darlehensanbahnern fielen aus, so dass bei vielen Anlegern der Betrag „In Recovery“ („In Rückforderung“) groß ist. Die erzielte Rendite wird nun davon abhängen, wie erfolgreich Mintos bei der verspäteten Einholung dieser Gelder ist, auch langjährigen Anlegern droht der Rückfall auf eine Rendite von 0% oder darunter.

Die Sofortmaßnahmen der EU-Kommission enthielten einen Zahlungsaufschub für viele Schuldner. Viele nationale Regierungen erließen darüberhinaus weitergehende Regelungen. Daher ist es für ein Resumee noch zu früh und es ist durchaus möglich, dass eine Insolvenzkrise, die sich auch auf das P2P-Lending-Segment auswirkt, noch folgt.

Vergleich zu anderen Anlageklassen

Im Folgenden wollen wir die Rendite von P2P-Kredit-Investments zur Einordnung mit anderen Anlageklassen vergleichen. P2P-Kredite sind festverzinsliche Anlagen: über eine feste Laufzeit erhält der Anleger eine feste Verzinsung. Rückzahlung und Zinsen werden regelmäßig oder endfällig geleistet. Damit konkurrieren sich zum einen mit Anleihen, aber auch mit der Anlageklasse Private Credit (auch Private Debt, Private Lending). Hierbei investieren vornehmlich institutionelle Anleger direkt, d.h. nicht über Banken als Mittelsmann und nicht-öffentlich gehandelt, in Kredite für insbesondere kleine und mittelgroße Unternehmen. Wie P2P-Kredite wächst auch diese Anlageklasse seit der Finanzkrise rasant an Volumen.
 
Vermutlich steckt hinter der gewachsenen Beliebtheit beider Anlageklassen vor allem der Reiz der höheren Zinsen im Vergleich zu historisch niedrigen Zinsen bei Anleihen und traditionellen Zinsprodukten. Wie bei P2P-Krediten resultieren die geringere Liquidität und die geringere Regulierung und Transparenz in höheren Renditen. Die für Private Debt ermittelte jährliche Rendite bewegt sich im Bereich von 7 bis ca. 10% (siehe z.B. McKinsey Insights oder Preqin Global Private Debt Report). Die für P2P-Kredit-Investments angegebene Renditeerwartung von 8 bis 10% besteht diesen Vergleich also, insbesondere da die Laufzeiten (wenige Wochen bis 3 Jahre) oft geringer sind als bei Private Debt (2 bis 6 Jahre). Dieser Vergleich bezieht sich auf die Performance nach Ausfällen, also die tatsächlich realisierte Rendite.
 
Ein zweiter Vergleich bietet sich an: High Yield Unternehmensanleihen. Bei der Investition in Kredite mit Buyback-Garantie ist die Nähe zur High Yield Anleihe offensichtlich: der Investor trägt nicht das Einzelkreditrisiko, sondern das Risiko, dass der Darlehensausgeber pleite geht und die Buy-back-Garantie damit nicht umgesetzt wird. Geeigneteste Kandidaten für einen Zinsvergleich Unternehmensanleihe zu P2P-Krediten: Mogo und IuteCredite, zwei Unternehmen, die sowohl eine Anleihe ausgegeben haben als auch Kredite mit Buy-back-Garantie über die P2P-Plattform Mintos finanzieren:
Anleihe (Unternehmen, Fälligkeit) WKN Kupon Rating Zins auf Mintos
Mogo 18/22
A191NY
9,5%
B- (Fitch)
7,5 - 19,0%
IuteCredit 19/23
A2R5LG
13%
BB+ (Creditreform, 2016)
9,5 - 13,3%

Für die Bestimmung der Rendite in eine bereits ausgegebene Anleihe ist auch die Differenz von aktuellem Kurs zum Nennwert von 100 entscheidend. So erhöht sich die Rendite für die Anleihe von IuteCredite momentan auf 16% und für die Anleihe von Mogo auf über 19%. Schon die Kupons der beiden Anlagen liegen für mich überraschenderweise im Bereich der angebotenen Zinsen auf Mintos: obwohl das Ausfallrisiko für einen Anleger in die regulierteren Anleihen geringer ist, obwohl die Liquidität der Anleihen höher ist und man sich von der Anleihe auch noch augenblicklich zu allen Börsenzeiten trennen könnte wenn der Handel auf Mintos schon eingestellt wäre, wird auf Mintos zu geringeren Zinsen in die Unternehmen investiert. Das sehr geringe Angebot an Anleihen erlaubt es aber nicht über Anleihen diversifiziert in die Branche zu investieren, so dass die breitere Streuung über viele Darlehensanbahner der große Vorteil einer Plattform wie Mintos ist.

Noch ein Wort zum Rating: IuteCredit hat sich nicht um ein Rating von einer der großen Ratingagenturen bemüht, ein Creditreform-Rating von 2016 ist wenig aussagekräftig. Beim regelmäßig überprüften Rating von Mogo durch Fitch ist dies anders. Ein Rating auf Level B wird von Fitch als hochspekulative Anlage angesehen, mit wahrscheinlichen Ausfällen wenn sich Geschäfts- oder Gesamtwirtschaftslage verschlechtern. Die Ausfallwahrscheinlichkeit für ein B-Rating (oder den Pendants B3 bei Moody’s, B- bei S&P) liegt bei über 10% bei einem Zeithorizont von drei Jahren oder ca. 20% bei sieben Jahren (Quelle).

Letztlich ist die Datenbasis zu dünn für einen fundierten Vergleich von Rendite/Risiko-Profil zwischen Unternehmensanleihen und P2P-Krediten. Für Anleihen mit B-Rating erhält man momentan einen Koupon von ca. 5%. Und man benötigt deutlich mehr Kapital für eine Diversifizierung. Da wirkt das Renditeplus von P2P-Krediten interessant, aber wir können nicht genau sagen welches Anleihen-Ratingsegment einem vergleichbaren Risiko entspricht. Bei den beiden Mintos-Darlehensanbahnern mit Anleihen sind diese sicher attraktiver als das P2P-Kredit-Investment.

Rolle im Portfolio

Fassen wir die gewonnenen Erkenntnisse über die Anlageklasse P2P-Kredite kurz zusammen: 

  • Renditeerwartung von 8 bis 10% (nach Kreditausfällen), vergleichbar für die bei institutionellen Anlegern beliebte Anlageklasse Private Debt
  • Totalverlustrisiko durch Plattformrisiko (Insolvenz oder Betrug)
  • Korrelation zu Aktien geringer als 0,5 (Einschränkung: wenig Zahlen für die noch sehr junge Anlageklasse)

Die Aktienmarkt-ähnliche Rendite mit geringer Korrelation spricht für eine Beimischung von P2P-Krediten. Wenn auch festverzinsliche Anlagen, als Hochrisiko-Investment sind sie kein Anleihenersatz, sondern die meiner Meinung nach denkbare Allocation von 5 bis 10% des Gesamtportfolios muss vom Aktienanteil weggenommen werden. Den Risiken muss mit Diversifikation über alle Ebenen begegnet werden: verschiedene Plattformen, verschiedene Darlehensanbahner, verschiedene Kreditarten,  verschiedene Laufzeiten, möglichst viele Kredite. Zudem sollte man ausschließlich auf etablierte Plattformen setzen, deren auditierte Geschäftsbilanzen Seriösität und Profitabilität bestätigt haben.

Die Turbulenzen in der Corona-Pandemie haben leider gezeigt, dass die Liquidität von P2P-Krediten genau dann besonders eingeschränkt ist, wenn die Aktienmärkte abgestürzt sind. Daher war es kaum möglich kurzfristig von P2P in Aktien umzuschichten. Für mich hat dies eine wichtige Rolle im Portfolio genommen. Nach einem Aktiencrash mit entsprechend gestiegener Renditeerwartung für die Aktienmärkte in den Folgejahren, würde ich eine höhere Allokation zu Aktien gegenüber P2P-Krediten favorisieren.

In Großbritannien wurde nach der Pleite der UK Plattform Lendy die Investitionen von Privatanlegern in P2P-Kredite Ende 2019 reguliert: sie dürfen nur noch maximal zehn Prozent ihres Gesamtportfolios in P2P-Kredite investieren. Dies unterstreicht die hohen Risiken, ist aber dennoch absurd wenn gleichzeitig keine Regulierung die Privatperson davon abhält 100% seines Vermögens in einer Sportwette zu setzen.

Zusammenfassung: Anlageklasse P2P-Kredite

  • P2P-Plattformen führen Investoren und Kreditsuchende zusammen. 
  • Den hohen Risiken (auch Totalverlust möglich, da keine Einlagensicherung) muss mit einer breiten Diversifikation über etablierte Plattformen und mindestens hunderte möglichst verschiedenartiger Kredite begegnet werden.
  • Die Renditeerwartung liegt im Bereich von 8 bis 10%.
  • Die Korrelation zu Aktien ist gemäß der wenigen verfügbaren Daten gering, so dass die Anlageklasse P2P-Kredite ein interessanter Portfoliobaustein zur Diversifikation des Risikoanteils ist.